Gegen das Vergessen – Gamze Kubaşık erzählt an der Realschule Bockum-Hövel ihre Geschichte

Gamze Kubaşıks Geschichte ist eine besonders bedrückende. Als sie noch eine Schülerin war wurde ihr Vater im Jahr 2006 vom rechtsextremen Terrornetzwerk NSU ermordet. 20 Jahre später hat sie ein Buch geschrieben und erzählt Schülerinnen und Schülern von der Zeit damals, von strukturellem Rassismus bei Polizei und Verfassungsschutz und warum die Taten niemals in Vergessenheit geraten dürfen.

Am Freitagmittag des 18. Septembers ist die Turnhalle der Realschule Bockum-Hövel in Hamm gut gefüllt. Trotz bevorstehendem Wochenende haben sich hier etwa 120 Schülerinnen und Schüler sowie einige Lehrerinnen und Lehrer eingefunden, um einer Lesung zuzuhören, die alles andere als spaßig werden sollte. Am einen Ende der Halle sitzen der Sozialwissenschaftler und Antirassismus-Trainer Ali Şirin, der moderativ durch die Lesung führt, und Gamze Kubaşık, die älteste Tochter von Mehmet Kubaşık, der am vierten April 2006 in der Dortmunder Nordstadt vom NSU ermordet wurde. Der NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) war zwischen 2000 und 2007 für 10 Morde sowie mehrere Sprengstoffanschläge und Raubüberfälle verantwortlich. Die Taten wurden erst Jahre später aufgedeckt.

Direkt zu Beginn betont Şirin, dass es hier um die Opfer und nicht um die Täter gehen soll. Die Faszination für die Täter soll abgelegt werden, weshalb sie auch während der gesamten Veranstaltung nicht einmal namentlich erwähnt werden. Die Opfer hingegen werden genannt und es werden Bilder von ihnen gezeigt. Dann liest Gamze das Vorwort des Buches, das sie zusammen mit Semiya Şimşek geschrieben hat, vor. Semiya ist die Tochter von Enver Şimsek, der ebenfalls vom NSU ermordet wurde. Das Vorwort endet mit dem Appell: „Wir dürfen nicht wegschauen, wir müssen Rassismus bekämpfen!“

Dann beginnt Gamze von ihrem Vater zu erzählen. Sie berichtet davon, was für ein Mensch er war, von der Flucht nach Deutschland und wie es dazu kam, dass die Familie einen Kiosk betreibt. Dann erzählt Gamze von dem Tag, an dem ihr Vater starb und von den Tagen danach. Sie hatte schon früh den Verdacht, dass Nazis hinter dem Anschlag steckten, der Verdacht wurde von der Polizei aber nicht ernst genommen. Stattdessen wurde angenommen, Mehmet Kubaşık sei in einen Bandenkrieg verwickelt oder habe mit Drogen gehandelt. Die gesamte Familie wurde unter Verdacht gestellt, kriminell zu sein, was sich enorm auf das Leben von Gamze ausgewirkt hat. Leute wechselten die Straßenseite wenn sie sie sahen und ihr Bruder wurde auch körperlich angegangen.

Fünf Jahre sollte es noch dauern, bis aufgedeckt wird, dass tatsächlich Rechtsextreme hinter dem Mord steckten. Fünf Jahre voller falscher Beschuldigungen von der Polizei und dem eigenen Umfeld. Dennoch gab die Familie nicht auf. Unter großem Aufwand organisierten sie einen Schweigemarsch als Protest und forderten die Aufklärung der Morde. Eine größere Unterstützung blieb jedoch weiterhin aus. Selbst nach der Enttarnung des NSU und dem Beginn des NSU-Prozesses wird die Hoffnung auf Gerechtigkeit kaum größer. Viele der Angeklagten kamen mit milden Strafen davon und viele Fragen bleiben ungeklärt.

Am Ende der Lesung wird Gamze aber dennoch etwas positiver und nennt Beispiele der Erinnerungskultur an ihren Vater. So wird jährlich das Mehmet-Kubaşık-Kinderfest gefeiert und die Dortmunder Nordstadtliga trägt den Mehmet-Kubaşık-Cup aus. Außerdem wagt Gamze ein Gedankenexperiment und überlegt, was gewesen wäre, wenn sie ihren Vater nicht verloren hätte.

Etwa 90 Minuten dauerte die Lesung und natürlich hatten die Schülerinnen und Schüler im Anschluss noch die Möglichkeit Fragen zu stellen. Diese Schulgespräche macht Gamze nun bereits seit fünf Jahren, damit die Taten nicht in Vergessenheit geraten und weiter aufgeklärt werden.

Die Autorinnen wurde über das Respekt-Coach-Programm der AWO eingeladen, das die Veranstaltung organisiert hat. Unter den Anwesenden war auch Thomas Gausepohl, der Respekt Coach an der Realschule Bockum-Hövel ist. Also Respekt Coach unterstützt er junge Menschen und zeigt Haltung. Er vermittelt ihnen ein Verständnis für Demokratie, Solidarität und Toleranz und diskutiert mit ihnen, wie man Konflikte lösen kann.

In Gedenken an: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprüs, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodorus Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat, Michèle Kiesewetter